HOLZ & HAUT – FIGUREN 2011
Die Idee...
"Vorfahren von mir waren Bildhauer in Hardheim. Bei ihnen habe ich als Kind gespielt und zugeschaut. Aus dieser Familie ist der bekannte Künstler Hubert Bernhard hervorgegangen, der in Waldkirch lebt. Ihm fühle ich mich sehr verbunden", so schildert der Fotograf Horst Bernhard seinen Bezug zur dreidimensionalen Kunst. Von Berufs wegen geht er mit offenen Augen durchs Leben. Da blieben ihm die Werke des im selben Landkreis lebenden Bildhauers Rainer Englert nicht verborgen. Sie faszinierten. Und der Künstler auch. Die Wellenlänge stimmte, die Einstellung zum Beruf war ähnlich. So gesehen war die Idee Horst Bernhards zu einem Fotokalender mit Kunstwerken von Rainer Englert nur folgerichtig.
Doch wie kommt man auf den Gedanken, künstlerische Holzskulpturen mit einem weiblichen Nacktmodell zu kombinieren? Sex sells!?! Diese Grundregel der Werbepsychologie, die bei Luxus-Gütern bis hin zur Pornografie funktioniert, spielt bei diesem Kunstkalender keine Rolle, weil es gar nicht ums Verkaufen geht. Was hier erlöst wird, kommt einem caritativen Zweck zugute. Überhaupt: Voyeurismus wird anderswo besser bedient. Hier geht es keinesfalls um Pin-ups, hier geht es um Kunst, Sinnlichkeit, Ästhetik und den Akt als Urthema der Fotografie.
Wer will bestreiten, dass die hölzernen Frauen- und Männerskulpturen des Walldürner Bildhauers Rainer Englert Kunst vom Feinsten sind? Wer kann bestreiten, dass das Fotomodell Olia knisternde Erotik versprüht? Wer zwei unterschiedliche Hingucker kombiniert, dem gelingt ein potenzierter "Eyecatcher". Das ist das Thema von Profi-Fotograf Horst Bernhard. Er hatte die Idee, weil er weiß, dass solch ungewöhnliche Verbindungen ihren eigenen Reiz haben. Etwa so, wie Balsamico-Essig in Zartbitter-Pralinen, wenn sich die Aromen wider Erwarten aufs Köstlichste verbinden. Es geht um Kontrast & Harmonie.
"Die Art, wie sich das Fotomodell an die Holzskulpturen anschmiegt, wie die zarte Haut der Frau mit der Holzoberfläche kontrastiert, das eröffnet völlig neue Zugänge zu meiner Kunst", begeistert sich der Rainer Englert über den Fotokalender. "Körper und Skulptur verstärken sich wechselseitig." Die Kombinationen von Formen, Strukturen, Posen, Perspektiven, Farben und Licht, gekonnt arrangiert von Horst Bernhard, interagieren mit Englerts Kunst-Botschaft, dass dem Menschsein in seiner Bipolarität bei allem Schmerz und Leid eine archaische Kraft innewohnt.
Insofern ist Model Olia das "Sahnehäubchen" auf dreidimensionalen Kunstwerken von Rainer Englert, die Fotograf Horst Bernhard in Bildermärchen übersetzt, die zwar zweidimensional sind, durch das gekonnte Wechselspiel von Schärfe und Unschärfe aber so plastisch wirken als stünde man leibhaftig im Atelier des Künstlers.
Der Künstler: RAINER ENGLERT
Künstler ist kein Beruf, sondern Berufung. Entweder man hat sie – oder nicht. Ausschlaggebend ist nicht der Wunsch, viel Geld zu verdienen - so wichtig das Geld für den Lebensunterhalt auch sein mag. Entscheidend ist die innere Notwendigkeit, das was in einem drin ist, auch raus zu lassen, weil man gar nicht anders kann. Dabei handelt es sich nicht um Alternativlosigkeit in dem Sinne, dass man nichts anderes kann. Es geht um die grundsätzliche Weichenstellung, sein Leben der Leidenschaft zu widmen, schöpferischer Kraft Form und Ausdruck zu verleihen.
Dies gilt in besonderer Weise für den Bildhauer Rainer Englert. "Ich mag nicht kopieren, sondern selber schaffen. Ich bin süchtig nach meinem Beruf", sagt der Künstler über sich selbst. Dabei ist ihm Disziplin sehr wichtig. Jeden Tag zeichnet er. Teils als Grundübung und Vorstufe zu seinen Skulpturen, teils als eigenständiges Werk. Am liebsten aber arbeitet er dreidimensional, manchmal in Stein, meistens in Holz. Bei aller Wertschätzung der Disziplin weiß Englert: "Man darf dabei nicht verkrampfen. Bei mir muss alles spontan gehen." In der Bildhauerei lebt Englert seine Leidenschaft für Proportionen aus: "Ich klopfe lieber weg, als hinzu zu modellieren."
Der 1956 in Heidelberg geborene Englert lebt und arbeitet in Neusaß, einem kleinen, idyllischen Odenwald-Dorf auf einer rauen Hochebene über dem nordbadischen Städtchen Walldürn. Dort ist er aufgewachsen, dort stammt seine Familie her, dorthin führte ihn das Schicksal zurück. Doch zuvor hat er die große, weite Welt gesehen: Kanada, USA, Afrika und Indien. Das weitet den Blick und den Horizont des Denkens. Diese Eindrücke verarbeitet er heute in seinen Werken.
Das Kreative als Lebensweg hat sich bei ihm schon in der Kindheit abgezeichnet: Da es in der Familie wenig Geld gab, wurden keine Spielsachen gekauft. Rainer Englert machte aus der Not eine Tugend und bastelte sich das Spielzeug selber. "Das war schon sehr speziell", erzählt der Künstler schmunzelnd. Es folgten Ausbildungen zum Wachsbildner in Walldürn und zum Holzbildner in Oberammergau sowie das Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, das er 1985 mit dem Diplom abschloss. In Stuttgart war er Schüler von Alfred Hrdlicka, den Englert neben Michelangelo für den größten Steinbildhauer hält. Hrdlickas Kraft, Intensität und Vielseitigkeit begeistern ihn ebenso wie Michelangelos Auge für Harmonie. Mit diesen beiden Kunst-Heroen verbindet ihn der Drang zum Figürlichen. "Der Mensch steht bei mir im Vordergrund", betont Englert. In der Tat: In seinen meist riesigen Frauen- und Männerfiguren spiegelt sich eine facettenreiche Tiefgründigkeit wider, die jeden Betrachter gefangen nimmt.
Bei vielen Künstlern steht die Idee am Anfang. Diese wird dann in Material umgesetzt. Englerts Konzept hingegen geht meist vom Material aus: Daraus entwickelt sich die Idee. Deshalb bevorzugt Englert den lebendigen Werkstoff Holz, der ihn mit vielfältigen Maserungen und Ästen fasziniert und immer wieder neu inspiriert. Der Respekt vor dem Werkstoff ist eine Seite des künstlerischen Wirkens von Rainer Englert, die Leidenschaft beim Herausarbeiten der Formen die andere. Diesem erfolgreichen Bildhauer, der 1984 mit dem Arthur-Grimm-Förderpreis für Plastisches Gestalten ausgezeichnet wurde, ist die vielen Künstlern immanente Exaltiertheit völlig fremd. Er wirkt so urwüchsig wie seine Skulpturen. An seiner künstlerischen Freiheit lässt er trotz aller Bescheidenheit keinen Zweifel: "Ich mache, was ich will – und nicht, was andere von mir erwarten!"
Der Fotograf: HORST BERNHARD
Fotografieren ist für viele Hobby, für manche Beruf, für die Besten aber Leidenschaft. Der Hardheimer Fotografen-Meister Horst Bernhard gehört zu jenen, die erfolgreich ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Schon das verbindet ihn mit dem Künstler Rainer Englert. Diese Leidenschaft treibt Bernhard an, höchsten Ansprüchen seines Berufes zu genügen und sein handwerkliches Können den rasanten technischen Entwicklungen anzupassen und so immer weiter zu perfektionieren. Als einer der ersten Profi-Fotografen stieg er bereits 1995 auf Digitaltechnik um. Ob Panoramabilder oder High Dynamic Range – Bernhard beherrscht die neuesten Foto-Techniken.
"Die Magie von Licht und Schatten, die Komposition der Farben, der Reiz der Kontraste und das Spielen mit Schärfe und Unschärfe hat mich in den Bann gezogen", erklärt Bernhard seine Berufsentscheidung. "Ich will nicht die bloße Oberfläche ablichten, sondern das Wesen dahinter, die Essenz, erspüren und offenlegen, um so neue Sichtweisen zu ermöglichen." Wenn Bernhard fotografiert, so tritt er mit dem Objekt durch das Objektiv in Beziehung. Durch diese Intimität entstehen Bilder, die Botschaften schnell, intensiv und nachhaltig transportieren.
Unmittelbar nach seiner Meisterprüfung wagte Horst Bernhard den Schritt in die Selbständigkeit. Echte Kreativität braucht Freiheit, die sich mit abhängiger Beschäftigung nur schwer verträgt. Rainer Englert kann das bestätigen. So gründete Horst Bernhard 1972 mit seiner Frau Brigitte in Hardheim ein Fotoatelier, das sich in der Branche einen exzellenten Ruf erworben hat.
Ein Schwerpunkt Bernhards ist die Industrie- und Werbefotografie – von der Idee bis zur druckfertigen Datei. "Solche Sujets in eine verkaufsfördernde Bildsprache zu übersetzen ist eine große Herausforderung", berichtet Bernhard. Bei der Wahl des Blickwinkels und des Kamerastandpunkts hilft ihm seine langjährige Erfahrung. "Doch noch wichtiger ist die Intuition, die das Fotografieren so spannend macht", weiß der Foto-Profi.
Als Allrounder schätzt und braucht Bernhard die Vielseitigkeit seines Berufs mit ständig wechselnden Aufgaben: "Das bewahrt die Kreativität." Neben Architektur und Portrait reizt ihn besonders die Kunstfotografie. Erste Kontakte zur Kunstszene entstanden bereits in den 1980er Jahren. Damals fotografierte er die Werke Anselm Kiefers, als dieser noch in Buchen gelebt hatte. Ein Höhepunkt seines Schaffens war der Katalog zur Ausstellung "Tiepolo und das Antlitz Italiens" in der Kunstkammer Rau, die zum Arp-Museum in Remagen gehört. Dabei gelang es Bernhard eine völlig neue Handschrift für Gemäldeausstellungskataloge zu kreieren. Der Hardheimer setzte die hohe Kunst der großen italienischen Meister von Tiepolo über Canaletto bis zu Giorgio Morandi in ein Licht, das Kunstkenner bis dato nicht kannten.
Fotokalender sind eine hervorragende Möglichkeit für Fotografen, ihren Neigungen zu frönen und zu zeigen, was sie können. Im Jahr 1997 thematisierte der Generalist Bernhard Früchte, 2003 faszinierte der begeisterte Hobby-Taucher mit Unterwasser-Aufnahmen vor Australien. Ein Kunstkalender fehlte bislang im Portfolio des Fotografen Horst Bernhard. Hier arbeitete Bernhard zum ersten Mal mit einer Mittelformat-Spiegelreflexkamera "Phase One 645AF" mit Objektiven von Schneider, Kreuznach und einer Bildauflösung von 60 Millionen Pixel. Der Experte weiß: Dieses Equipment ist "state of the art". Besser geht es nicht. Und für Bernhards hohe Ansprüche ist das Beste gerade gut genug.
Text: Leo Mayerhöfer